Jedes Kippsche hat sei Statistiksche

Jeden Monat erhalten wir einen Bericht der Hausversammlung. Darin wird über das Erwartbare berichtet, wie zum Beispiel die Entwicklung des Stromverbrauchs und anderes Langweiliges, meistens sind die Berichte detailliert bis zur Pedanterie.

Heute aber stolperten wir über eine wirklich bemerkenswerte Statistik.

Für den Monat Oktober wurde exemplarisch dokumentiert, wie viele Zigarettenstummel pro Tag (!) im Umfeld unseres edlen Domizils gefunden wurden. Nicht nur wurde für jeden Tag die Stückzahl (!) dokumentiert, sondern auch der genaue Fundort. Am häufigsten, das ist das weiße Klötzchen, wurden Kippen im Umfeld des Erdgeschosses (heißt hier erstes Stockwerk) gefunden. Am 27. Oktober zum Beispiel gab es 12 Kippen draußen um das Erdgeschoss herum, und vier außen auf dem künstlichen Boden. Auf den Anwohnerparkplätzen und den anderen Flächen wurden im Monat Oktober keine Tabakspuren hinterlassen.
Insgesamt 246 Zigarettenstummel wurden im Oktober von irgendjemandem aufgesammelt und minutiös dokumentiert.

Touristin in Deutschland

Auf unserem Deutschlandtrip kam mir als Touristin aus Japan einiges ganz schön spanisch vor. Ich hab meine kulturellen Verwirrungen auf der Deutschlandreise mal notiert:

Die Leute, insbesondere die im Servicebereich, scheinen mir extrem unhöflich. Ich komme in einen Kiosk. Die Dame hinter dem Tresen erhebt sich nicht, verbeugt sich nicht, begrüßt mich nicht, bedankt sich nicht für meinen Besuch. Undenkbar in Japan.

‌Auffällig, dass einem andererseits – zumindest im Schwäbischen – bei fast jedem Abschied ein schöner Tag gewünscht wird. Das passiert uns in Japan nicht.

‌Ich genieße es, dass ich mich in Deutschland in einem Lokal einfach hinsetzen kann, wo ich will, ohne auf die Anweisungen des Servicepersonals warten zu müssen.

‌Mann, sind die Züge leer hier. Und unpünktlich.

Yay, hier gibt es überall Mülleimer. Irre, worüber sich Exilanten freuen.

Es gibt in Deutschland zwar viele Toiletten, aber für die meisten muss ich zahlen (in Japan sind die umsonst) und sie sind viel schmutziger als die japanischen.

‌Die Leute schauen mich direkt an, scheuen keinen Augenkontakt, sondern gucken mich unverhohlen, unverstohlen an. Das bin ich gar nicht mehr gewohnt.

‌Ich fühle mich in Deutschland ganz normal groß und dünn und werde auch so wahrgenommen. Angenehm, nicht ständig mit meiner “Ãœberdimensioniertheit” konfrontiert zu werden.

‌Die Menschen in Deutschland scheinen mir vielfältiger. Nicht nur in Hinblick auf die Ethnien, aber auch, was Frisuren, Kleidungsstile etc. angeht.

‌Deutsche Bäckereien sind wahrscheinlich die besten der Welt. Ich und die meisten anderen Exildeutschen vermissen sie völlig zu Recht.

‌Hier ist es generell ganz schön schmutzig – im Vergleich zu Japan (und ganz schön gepflegt im Vergleich zu China).

In Japan wird sich ständig entschuldigt, ob ich jemanden ansprechen möchte, ein Zimmer betrete oder aus Versehen jemanden schubse – die diversen Entschuldigungsfloskeln sind allgegenwärtig. Jo, in Deutschland wird sich vielleicht einen Tick zu wenig entschuldigt. Gerade im letzteren Fall.

Der Lappen ist unser

Die Erfolgsgeschichte des Tages: in nur 7.5 Stunden haben wir einen japanischen Führerschein erworben, davor hatten wir bloß eine Übersetzung die ein Jahr ab Einreise gültig ist. Auf dem Amt gehen 7 Stunden auf das Konto unseres Sitzfleisches, in der verbleibenden halben Stunde unternehmen wir eine kleine Odysee mit Antrag stellen, Foto machen (1), Dokumente einreichen, Zahlen, Sehtest, Foto machen (2) und Führerschein abholen.

Der kritische Punkt ist die Prüfung der Dokumente, denn man muss nachweisen, dass man nach dem Erhalt des deutschen Führerscheins mindestens 3 Monate in Deutschland wohnhaft war – sonst gilt es nicht (näh näh) und man muss eine echte Prüfung ablegen. Unsere wenigen zusammengeklaubten Dokumente wurden schließlich akzeptiert und wir damit happy. Der Rest war reine Formsache bzw. ein Geduldsspiel.

Hier die fröhlichen Gewinner:

Im Osten geht die Sonne auf

“Das Land der aufgehenden Sonne” ist die chinesische Sicht der Dinge. Die chinesischen (und japanischen) Zeichen für Nippon 日本 bedeuten wörtlich: Ursprung der Sonne. Wenn Chinesen in die Richtung sehen, wo die Sonne aufgeht, sehen sie automatisch in Richtung Japan. Die ersten Erwähnungen dieses Namens finden sich entsprechend auch in alten chinesischen Dokumenten. Obwohl es im Laufe seiner Geschichte auch einige alternative Namen gab, hat sich die chinesische Variante durchgesetzt. Die Flagge nimmt das Bild des Sonnenaufgangs mit der zinnoberroten Sonnenscheibe auf.

Flag_of_Japan_(1870-1999).svg

Für uns Japan-Frischlinge hat sich die Sonnenaufgangsthematik weit profaner gestaltet. Nach kurzer Zeit waren wir überzeugt, dass die japanische Zeitzone nicht stimmt, denn für unseren Geschmack wird es sowohl zu früh hell als auch zu früh dunkel. Insbesondere dem hingebungsvollen Freizeitoptimierer Christian macht diese Sache schwer zu schaffen. Also hab ich mal nachgeschaut, wie das mit den Sonnenstunden so ist (gilt für 2016, Quelle: www.sunrise-and-sunset.com)

Tokio
21 März: Sonne auf 05:45, Sonne unter 17:53, 12:08h Tageslicht.
21 Juni: Sonne auf 04:27, Sonne unter 18:59, 14:31h Tageslicht.
21 September: Sonne auf 05:29 Sonne unter 17:39, 12:09h Tageslicht.
21 Dezember: Sonne auf 06:48, Sonne unter 16:31, 09:43h Tageslicht.
–> im Schnitt 11.97h Stunden Tageslicht

Frankfurt
21 März: Sonne auf 06:26, Sonne unter 18:39, 12:13h Tageslicht
21 Juni: Sonne auf 05:16, Sonne unter 21:37, 16:20h Tageslicht
21 September: Sonne auf 07:11, Sonne unter 19:23, 12:12h Tageslicht
21 Dezember: Sonne auf 08:22, Sonne unter 16:24, 08:01h Tageslicht
–> im Schnitt 12.12h Stunden Tageslicht.

Bei den Sonnenaufgangszeiten in Tokio würden die meisten annehmen, dass es sich um ein Land der Frühaufsteher und Frühfeierabendmacher handelt. Das Gegenteil ist der Fall. Da es als unhöflich gilt, vor dem Boss Feierabend zu machen, gehen viele sogenannte “Salary Men” (die meisten sind Männer, vielleicht dazu später nochmal was) nicht vor 20 Uhr aus dem Büro. Dafür kommen sie aber auch eher später zur Arbeit.

Ich konnte nicht rausfinden, warum die japanische Zeitzone so ist, wie sie ist, aber vielleicht hängt das auch mit China zusammen. Dort hatten wir uns schon über die etwas verschobene Zeitzone gewundert und rausgefunden, dass das ganze riesige Land EINE Zeitzone hat – eingeführt 1949 von der Kommunistischen Partei zur Beton(ier)ung der Einheit Chinas. Japan ist das Nachbarland, eine Zone weiter.

Auf jeden Fall vermissen wir die langen Sommerabende, an denen es nach Feierabend noch hell ist und wir grillen und Frisbee spielen können.

Ihr da in Deutschland: Genießt den Tag, so lange er hell ist!

Wunderlichkeiten und Hindernisse

Hier findet sich eine kleine Komposition an Wunderlichkeiten und Hindernissen, die wir in unserer kurzen Zeit in Japan erleben durften. Wir müssen diese schnell dokumentieren, bevor wir uns über gar nicht mehr wundern, weil vieles bereits zur akzeptierten Realität geworden ist.

Umzug

  • Die Liste von Dingen, die wir nicht in unseren großen, vom chinesischen und japanischen Zoll kontrollierten Luftfrachtkisten ins Land einführen durften, ist länger als die der Dinge, die uns als einführungswürdig einfallen. Nicht ins Land gebracht werden dürfen unter anderem Flüssigkeiten, Substanzen von pulveriger Beschaffenheit, Batterien und Pingpong-Bälle.
  • Bei jeder Lieferung von Kisten oder Möbeln wurden von den Lieferanten nicht nur die Schuhe an der Schwelle ausgezogen, sondern auch dicke Teppiche untergelegt, damit unser empfindlicher Parkettboden nicht leidet.
  • Selbiges Parkett ist auch der Grund dafür, dass unsere Stühle Socken tragen, die es eigens zu diesem Zweck zu kaufen gibt (Achtung: bei der Online-Suche nicht aus Versehen auf die Pudelsocken-Seite geraten, wie es Annika ergangen ist).

Transport

  • Wohnungspreise sind direkt abhängig von der Distanz zur nächsten Bahnstation. Alle Exposés geben deshalb Laufminuten an
  • Das U-Bahnnetz ist groß, wird aber von unterschiedlichen Firmen betrieben. Beim Umsteigen muss man dabei durch die diverse Bezahlschranken.
  • Die Bezahlschranken sind immer offen um möglichst schnell durchlaufen zu können. Hat man kein Ticket oder es kann nicht richtig gelesen werden, schließt die gepolsterte Schranke und man muss zum Station Master (peinlich, denn alle Pendler werden aufgehalten).
  • An belebten Stationen stehen Bahnangestellte in weißen Handschuhen um für Ordnung zu sorgen und Passagieren in den Zug zu helfen, auch wenn dieser schon voll ist. Am besten ist die Choreographie zur Kontrolle, ob die Passagiere am Bahnsteig den Sicherheitsabstand einhalten.

Bequemlichkeitsgeschäfte (Convenience Stores)

  • Finden sich an jeder Ecke und bieten Dinge des täglichen Bedarfs (Mangahefte, Businesshemden, Energydrinks).
  • Ãœber Automaten, die in dem Laden stehen, erhält man Geld, Konzertkarten und kann seine Rechnungen bezahlen.
  • Um einen Eiskaffee zu bekommen, muss man einen versiegelten Becher mit Eis aus dem Gefrierfach holen, zur Kasse bringen und danach am Automat befüllen
  • Es wird viel frisches Essen angeboten, zum Teil komplette Mahlzeiten, die man direkt vor Ort in der Mikrowelle aufheizen kann
  • Baumkuchen. Ueberall Baumkuchen (in deutsch beschriftet). Warum kennen wir den aus Deutschland bloss nicht?
  • Vorsicht vorm Dosenregal: Japaner schwören auf Alkopops (z.b. Highballs). Was wir für eine Limo halten, kann sich schnell als hochprozentige Ãœberraschung erweisen.

In der Apotheke

  • Bei verschreibungspflichtigen Medikamenten prüft der Apotheker akribisch die Identität des Kunden.
  • Der Empfang der Packungsbeilage (extra auf Englisch ausgedruckt) und das Wissen um Risiken und Nebenwirkungen muss mit Unterschrift quittiert werden.

Wohnen

  • Schwindelfreies Putzfachpersonal reinigen unsere Fenster im 24. Stock. Um unangenehme Ãœberraschungen zu vermeiden, kündigt die Hausverwaltung das Reinigungsvorhaben über die Haussprechanlage an.
  • Unsere Türsprechanlage kann Emails empfangen und vor Erdbeben warnen. Manchmal gelingt es auch damit Besucher oder Lieferanten Einlass zu gewähren
  • Das Signal “Pet” am Fahrstuhl zeigt an, dass sich ein tierischer Fahrgast im inneren befindet

Seltsames Bankwesen

  • Jedes Bankkonto besteht aus einer Filialen- und einer Kontonummer. Bei Ãœberweisungen o.ähnlichem muss man nicht die Filialennummer eingeben, sondern den Namen der Filiale in speziellen japanischen Zeichen (single-byte katakana).
  • Man erhält eine Bankkarte, die man nur dazu verwenden kann, Geld vom Automaten abzuheben, nicht aber um damit einzukaufen
  • Die Wunsch-PIN der Karte muss man bei der Kontoeröffnung unter den Augen des Bankangestellten auf den Antrag schreiben
  • Daueraufträge sind bei vielen japanischen Banken unüblich
  • Ãœber ein kompliziertes Schema definiert sich der Kundenstatus: Premium, Gold oder Platin. Davon abhängig ist, wie viele kostenlose Ãœberweisungen man durchführen kann
  • Eine Ãœberweisung kostet sonst ungefähr 2,50 Euro

Essen

  • Kontinuierlicher Aufreger: im Restaurant sind Tische frei, aber man muss ich am Eingang mit Namen registrieren und brav abwarten, bis man aufgerufen wird
  • Preise werden gerne zur Kundentäuschung ohne Mehrwertsteuer angegeben
  • Ein feuchtes Handtuch in der Tüte (wer weiss wie lange es darin schon schwitzt) wird vor jedem Essen gereicht. Generell ist gerne alles zig-mal verpackt und man fragt sich wohin mit dem Muell